Wo bleiben Barrierefreiheit und Inklusion im Fachbuch „Balkone, Loggien und Terrassen“?

Leider kommt in diesem Buch Barrierefreiheit und Inklusion technisch grundlos viel zu kurz. Auch das Gesetz zum Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK), veröffentlicht am 31.12.2008 im Bundesgesetzblatt, wird selbst beim Kapitel Rechtsvorschriften nicht einmal erwähnt. Eine kritische Nullschwellen-Buchrezension (siehe Link unten) zum Fachbuch „Balkone, Loggien und Terrassen“ von Ulrike Jocham, die in der Fachzeitschrift BEHINDERTE MENSCHEN 1/2017  erschienen ist, gibt Einblick in den aktuellen Wissensstand von Bausachverständigen zum Thema Inklusion und Umsetzung der UN-BRK.

Hier gehts zur kompletten Nullschwellen-Fachbuchrezension von Ulrike Jocham, die in der Fachzeitschrift BEHINDERTE MENSCHEN 01/2017 erschienen ist!

 

Mehr zur Fachzeitschrift BEHINDERTE MENSCHEN gibt es unter www.behindertemenschen.at

 

 

 

Die Fachbuchrezension von Ulrike Jocham in Textform:

Wo bleiben Barrierefreiheit und Inklusion? Das Buch verspricht mehr, als es halten kann. Es will alle Aspekte der Planung, Konstruktion und Ausführung im Neubau und Bestand bringen. Es will eine Hilfestellung für Planer und Ausführende sein, um aufwändige und kostenintensive Sanierungen im Zusammenhang mit Balkonen, Loggien, Dachterrassen und Terrassen zu vermeiden. In Bezug auf barrierefreie, universell designte und inklusive Zugänge dieser Bereiche sind die Autoren – bis auf einen allesamt offiziell bestellte Sachverständige – aber leider nicht auf dem aktuellen Stand der Dinge. Zahlreiche Aussagen haben bei mir als Brückenbauerin zwischen allen am Thema Demografie und Inklusion beteiligten Professionen sogar fachliches Entsetzen hervorgerufen. Definieren doch die Autoren eine Schwellenhöhe von 2 cm als schwellenlos und behaupten, dass diese Höhe keine Stolperschwelle sei und auch von Personen mit Bewegungseinschränkung nutzbar (S. 67) – ja sogar für „Rollstuhlfahrer“ wegen der relativ großen Räder des Rollstuhls unproblematisch sei (S. 190). Der Heilerziehungspfleger, Bernd Pörtener, also ein Experte, der tagtäglich mit Menschen mit Behinderung arbeitet, sieht dies anders: „Für viele, die einen Rollstuhl benutzen, kann auch eine Mauer in die Türe gebaut werden, die hat dann den gleichen Effekt wie 2 cm hohe Türschwellen, denn sie kommen nicht darüber.“ Zusätzlich definieren die Autoren im Buch eine Abbildung mit einer 50 mm hohen Aufkantung plus einer Türschwelle mit ungefähr der gleichen Höhe als schwellenlos (S. 188). An einer anderen Stelle fordern sie: „Grundsätzlich sollte angestrebt werden, eine Mindestaufkantungshöhe der Abdichtung von 20 mm sicherzustellen“ (S. 188). Die Frage nach dem Warum bleibt offen, denn selbst die Autoren wissen erstaunlicherweise zwei Seiten später, dass Nullschwellen technisch gelöst sind. (S. 190). Doch nur eine Seite von den insgesamt 236 Seiten wird dieser Lösung gewidmet. Dabei schafft eine sogenannte schwellenfreie Magnet-Doppeldichtung seit ihrer Geburtsstunde vor über 15 Jahren sämtliche Normen und Herausforderungen im Bereich Dichtungssicherheit. Außerdem verlangen nicht nur der demografische Wandel (immer mehr ältere und pflegedürftige Menschen) sondern auch aktuelle gesetzliche Entwicklungen eine echte Barrierefreiheit: So verbietet z. B. in Baden-Württemberg das Ministerium für Verkehr und Infrastruktur (MVI BW) mittlerweile Türschwellen innerhalb des barrierefreien Bauens: „In Fällen, in denen die technische Erforderlichkeit einer Schwelle nur behauptet und nicht substantiiert begründet wird oder in denen die Planung einer schwellenlosen Erschließung gar nur schlicht vergessen wurde, liegen selbstverständlich keine Ausnahmen im Sinne der genannten technischen Regeln vor und es ist auf Herstellung einer schwellenlosen Erschließung zu dringen.“ Diese rechtlichen Anforderungen haben Folgen für die Baubranche und deren Kunden, werden allerdings im ganzen Fachbuch nicht erwähnt. Schade um die Chance nach mehr Barrierefreiheit, Inklusion und Empowerment, die ein besser recherchiertes Fachbuch in diesem wichtigen gesellschaftlichen Bereich des Bauens gehabt hätte.

Zur Publikationsliste von Ulrike Jocham geht es hier.

Zum Nullschwellen-Kommentar von Ulrike Jocham aus der GLASWELT geht es hier.

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