Wie inklusives Wohnen neue Arbeit schafft

Wie inklusives Wohnen neue Arbeit schafft - ein Artikel von Ulrike Jocham in BEHINDERTE MENSCHEN Ausgabe 5-2008Wie inklusives Wohnen neue Arbeit schafft – ein  Beispiel aus Deutschland ist ein Fachartikel von Ulrike Jocham zum Thema Inklusion in der Arbeitswwelt innerhalb eines inklusiven Wohnprojektes aus der Fachzeitschrift BEHINDERTE MENSCHEN Ausgabe 5/2008. Der Artikel ist als pdf durch einen Klick auf das Cover von BEHINDERTE MENSCHEN erhältlich und/oder kann direkt hier im Blogbeitrag gelesen werden.

Wie inklusives Wohnen neue Arbeit schafft – ein  Beispiel aus Deutschland

Wer wünscht sich nicht eine sinnerfüllende Arbeit sowie einen entsprechenden Lohn, von dem man gut leben kann? Leider gibt es für Menschen mit Behinderungen in unserer Leistungsgesellschaft viel zu wenig Chancen auf interessante Stellen. Der Arbeitsplatz von Theodoros Grantsis zeigt, dass noch viele neue Wege offen sind, um die Möglichkeiten für Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt zu erweitern!

Theodoros Grantsis ist ausgebildeter Bürokaufmann sowie Fotograf und hat zusätzlich einige Semester Soziologie studiert. Mit der Diagnose Multiple Sklerose war es nicht einfach, eine Arbeitsstelle zu bekommen. Durch das Integrationsamt in Bethel, einem Stadtteil von Bielefeld in Nordrhein-Westfalen, (Deutschland) kam er auf den Verein Alt und Jung Bielefeld, der in mehreren Wohnprojekten das erfolgreiche Wohn- und Betreuungskonzept seit über dreißig Jahren umsetzt, kontinuierlich weiterentwickelt und optimiert. In den einzelnen Projekten leben Menschen mit und ohne Behinderung sowie ältere Menschen mit und ohne Pflegebedarf als eigenständige Mieter unter einem Dach, jeder in einer eigenen Wohnung. Alt und Jung sieht die Menschen mit Assistenzbedarf als Kunden, die selbst entscheiden können, wie sie sich ihre Unterstützung vorstellen. Im Durchschnitt wohnt ein Drittel Kunden mit Assistenzbedarf und zwei Drittel Kunden ohne Assistenzbedarf in den barrierefreien Wohnungen. Es besteht für alle eine 24-stündige Versorgungssicherheit durch professionelle Fachkräfte sowie das Angebot eines Wohncafes, welches das gemeinschaftliche Leben ermöglicht. (Im Heft Nummer 3/4 aus dem Jahr 2007 können Sie sich auf Seite 10 bis 12 genauer über die Wohn- und Betreuungskonzeption aus Bielefeld informieren!). Die inter- disziplinären Teams aus unterschiedlichen pflegerischen und pädagogischen Fachkräften werden bei Alt und Jung durch jeweils einen Bürokaufmann ergänzt, der für den betriebswirtschaftlichen Bereich zuständig ist. Genau für diese Aufgabe wurde Theodoros Grantsis eingestellt, doch bei ihm erweiterte sich sein Tätigkeitsbereich in eine ganz unerwartete neue Richtung.

Ein neues Arbeitsfeld

Theodoros Grantsis begann vor vier Jahren in der Dahlemerstraße in einem Wohnprojekt mit 55 barrierefreien Wohnungen und kümmerte sich unter anderem um Optimierungen von Arbeitsabläufen, Abrechnungen, Listenerstellungen sowie Schulung der Mitarbeiter im Umgang mit dem Computer und mit bestimmten Programmen. Viele Mieterinnen und Mieter des Wohnprojektes besuchten Theodoros Grantsis immer häufiger in seinem Büro, um mit ihm zu reden. Ihnen war der Kontakt zu dem jungen Mann mit MS sehr wichtig. Durch dieses Kommunikationsbedürfnis äußerten sie innerhalb von eineinhalb Jahren immer klarer: „Wir wollen Theo im Wohncafé bei uns haben!“ Der Verein Alt und Jung griff diese interessante Entwicklung auf und es wurde ein Weg gesucht, um die neue Aufgabe von Herrn Grantsis auch als offizielle Arbeitsstelle finanzierbar zu machen.

Theodoros Grantsis unterstützt das gemeinschaftliche Zusammentreffen der Mieterinnen und Mieter im Wohncafe. Hier gibt es Gelegenheit für Kontakte, Platz für unterschiedliche Gruppenaktivitäten und täglich für jeden, der möchte, selbstorganisierte Mahlzeiten (Frühstück, Mittagessen, Kaffeetrinken, Abendessen). Der junge Bürokaufmann erzählt begeistert von seiner Arbeit: „Ich generiere im Wohncafé ein Gemeinschaftsgefühl!“ Er erfreut sich großer Beliebtheit unter den Mitgliedern des Wohnprojektes. Beim Mittagessen wird bis heute darüber diskutiert, bei wem Theo denn sitzen darf. Die älteren Mieterinnen und Mieter freuen sich ganz besonders, wenn Theodoros Grantsis ihnen Artikel aus der aktuellen Presse vorliest und dazu passende Diskussionen anregt. So bleiben sie auf angenehme und interessante Art und Weise über das aktuelle Geschehen informiert und kommen noch intensiver mit den anderen Seniorinnen und Senioren in Kontakt. Theodoros Grantsis geht beispiels- weise auch gemeinsam mit verschiedenen einzelnen Mieterinnen und Mietern nach draußen auf eine Park- bank, um in der Natur ein „Schwätzchen“ zu halten. Außerdem unterstützt der kommunikationsstarke junge Mann die Kundinnen und Kunden von Alt und Jung im Wohnprojekt bei ganz unterschiedlichen persönlichen Problemen: „Vor kurzem konnte ich einer Mieterin, die an grauem Star erkrankt ist, hilfreich unter die Arme greifen. Wir haben gemeinsam nach Lösungen gesucht, herausgefunden welche Hilfsmittel, Therapiemöglichkeiten und Ärzte es gibt, im Internet recherchiert sowie einen Funkfinger organisiert!“

Eine Krankenschwester von Alt und Jung sowie Kollegin von Theodoros Grantsis berichtet: „Theo ist sehr beliebt bei den Kunden.“ Seine erfolgreiche kommunikationsfördernde Arbeit ist mittlerweile in zwei weiteren Nachbarschaftstreffs gefragt. In allen drei Wohncafés kümmert er sich neben der Förderung von Gemeinschaft und Lebensqualität unter anderem auch um die Verbesserung der Arbeitsabläufe von den Mitarbeitern im multiprofessionellen Team. Mit seinem betriebswirtschaftlichen Wissen kann er diese optimieren, vereinfachen und verflüssigen. Die pädagogischen und pflegerischen Fachkräfte haben dadurch mehr Zeit für die Kunden.

Finanzierung über die öffentlichen Hand

Das Sozialgesetzbuch XI § 45 und das Sozialgesetzbuch XII § 61 ermöglichen in Deutschland die Abrechnung der beschriebenen Angebote von Herrn Grantsis in den Wohncafés über die so genannten anderen Verrichtungen. Mit den neu entwickelten Aufgaben erwirtschaftet er Einnahmen für den Verein Alt und Jung und erhält dafür ein tariflich entsprechend adäquates Einkommen. Genau diese Umstände könnten für weitere zukünftige Stellenangebote in ähnlichen Bereichen erzielt werden. Viele Arbeitgeber kennen die Rahmenbedingungen bei der Einstellung eines Menschen mit Behinderung überhaupt nicht und haben unberechtigte Vorbehalte. Zum einen gibt es in Deutschland eine finanzielle Förderung von bis zu zwei Jahren, wenn ein Mensch mit Behinderung eingestellt wird. Zum anderen ermöglichen die Gesetze je nach Bedarf Arbeitsasistenten für die Menschen mit Behinderung, die ein selbstständiges Arbeiten arrangieren. (Im Heft Nummer 5 aus dem Jahr 2007 können Sie sich auf Seite 18–20 genauer über das Thema Arbeitsassistenz informieren!). Zusätzlich gibt es noch eine weitere positive Konsequenz für den Arbeitgeber: Wenn der Mensch mit Assistenzbedarf wegen ein und derselben Erkrankung länger als sechs Wochen, die nicht am Stück sein müssen, ausfällt, übernimmt die Krankenkasse die Lohnkosten. Der Arbeitgeber muss also nur das Risiko von sechs Wochen Arbeitskraftausfall pro Jahr tragen.

Wie inklusives Wohnen neue Arbeit schafft – ein Artikel von Ulrike Jocham, der interdisziplinären Bausachverständigen für Barrierefreiheit, Universal Design, Inklusion und Nullschwellen und Sachverständige für inklusive Wohnprojekte

Mehr Infos zur Fachzeitschrift BEHINDERTE MENSCHEN: www.behindertemenschen.at

Wie inklusives Wohnen neue Arbeit schafft – ein Artikel von Ulrike Jocham, der Frau Nullschwelle aus 2008

Mehr Infos zum Thema  inklusive Wohnprojekte!

 

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