Tastmodelle für blinde Menschen

Ulrike Jocham 2008: Tastmodelle lassen auch blinde Menschen Architektur erlebenTastmodelle lassen auch blinde Menschen Architektur erleben – Vom Reichtagsgebäude bis zum Schloss Neuschwanstein ist ein Fachartikel zum Thema Bauen und Gestalten für Menschen mit Vollerblindung von Ulrike Jocham, der in der Fachzeitschrift BEHINDERTE MENSCHEN in der Ausgabe 5/2008 erschienen ist. Der Artikel ist als pdf durch einen Klick auf das Cover von BEHINDERTE MENSCHEN erhältlich und/oder kann direkt hier im Blogbeitrag gelesen werden.

Tastmodelle lassen auch blinde Menschen Architektur erleben – Vom Reichtagsgebäude bis zum Schloss Neuschwanstein

Besucherinnen und Besucher mit einer Sehbehinderung können nun das Reichtagsgebäude in Berlin ertasten. Im Eingangsbereich des Plenarsaales lädt ein Modell mit einer Kantenlänge von 150 Zentimetern zum Anfassen ein. Das Tastmodell vermittelt blinden und sehbehinderten Menschen einen Eindruck von der Eingangsgestaltung, den einzelnen Geschoßen, der Fassade, den Säulen, der Kuppel, den Türmen und der Dachgestaltung. Sogar die Schrift über dem Eingangsbereich „DEM DEUTSCHEN VOLKE“ kann ertastet werden. Vor allem die detailgenaue Darstellung der Gründerzeitarchitektur stößt bei vielen Menschen mit Sehbehinderungen aber auch bei Sehenden auf Begeisterung.

Ein Modellprojekt für mehr Barrierefreiheit

Das Fach „Modell und Design“ am Institut für Architektur der TU Berlin wurde mit diesem ungewöhnlichen Modellbau beauftragt. Burkhard Lüdtke, der Dozent dieses Faches, bringt mehrere berufliche Qualifikationen mit: er hat Kunsterziehung und Kunstwissenschaft auf Lehramt sowie Schauwerbedesign studiert und die Meisterschülerernennung in der Freien Kunst erhalten. Mit seinen Fähigkeiten aus den Bereichen Lehre und Kunst verwirklichte er ein Modellbauprojekt, das für die Studierenden sowie für Menschen mit Sehbehinderungen eine Bereicherung darstellt. Er integrierte den spannenden Auftrag in seine Lehre und beteiligte rund 200 Studierende am Reichstagstastmodell. In den Seminaren in seinem Wahlfach setzten sich die Studierenden mit dem Thema „Architekturdarstellung für Blinde und Sehbehinderte“ auseinander. Aus mehr als 1000 Einzelteilen entstand in zweieinhalb Jahren ein detailgetreues und sehbehinderten- gerechtes Modell im Maßstab 1:100. Die Architektur ist in diesem Maßstab gut für Menschen mit Sehbehinderungen darstellbar und die Modellgröße entspricht dem Greifbereich eines Menschen. Für das Gelingen waren unter anderem die direkten Rückmeldungen und Meinungen von Menschen mit Sehbehinderungen als Spezialisten verantwortlich. Mehrmals wurden Betroffene des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes (DBSV) eingeladen, um das Tastmodell der Zielgruppe entsprechend gestalten zu können.

In mehreren Selbstversuchen ließen sich die Studierenden sogar mit verbundenen Augen durch den Reichstag führen, um sich in die Empfindungswelt von blinden Menschen einfühlen zu können. Burkhard Lüdtke berichtet: „Gerade Architekturstudenten bringen hervorragende Eigenschaften für das Bauen von Tastmodellen mit. Sie sind bei Raumvorstellungen weitaus sicherer als andere Studierende aus anderen Fachrichtungen.“

Für die Darstellung des Sandsteins in der Fassade wurde ein völlig neues Material in mehreren Testreihen entwickelt, ein spezielles Kunststoff- Sand-Gemisch, das noch gar keinen Namen bekommen hat. Die berühmte Kuppel im Modell ist aus Acrylglas. Die akribisch detailgenauen Säulenkapitelle wurden modelliert und mit einer Silikonkautschuk-Gießmasse umgossen. Nach dem Trockenvorgang der Gießmasse ist eine Form entstanden, die für alle Kapitelle Verwendung fand. Da das Fach jeweils immer nur ein Semester lang für Studierende eingeplant ist, forderte das Modellbauprojekt eine enorme organisatorische Leistung von Burkhard Lüdtke. Auf Wunsch des DBSV ist außerdem ein Umgebungsrelief des Parlaments- und Regierungsviertels entstanden, auf welchem neben dem Reichstagsgebäude unter anderem die Bundestagsneubauten, das Bundeskanzleramt, das Brandenburger Tor, das Holocaustmahnmal sowie die Spree und einige Straßenzüge zu ertasten sind. Das Modell verhilft den blinden und sehbehinderten Besucherinnen und Besuchern des Deutschen Bundestages zu einer Vorstellung, in welcher exponierten städtebaulichen Situation sich das Reichstagsgebäude befindet.

Vorgeschichte

Die Idee für das Tastmodell entstand bei einer viertägigen Berlin-Fahrt 2003. Auf Einladung von der Bundes- tagsabgeordneten Dagmar Freitag erkundeten Mitglieder der Blinden- und Sehbehindertenvereine aus ihrem Wahlkreis die Hauptstadt. Hierbei äußerten die Menschen mit Sehbehinderungen den Wunsch nach einem Tastmodell vom Reichstagsgebäude, um die Architektur des Gebäudes begreifen und erfahren zu können. Daraufhin reagierte die Bundestagsabgeordnete Dagmar Freitag und initiierte zusammen mit der Kommission des Ältestenrates für Innere Angelegenheiten für das deutsche Reichstagsgebäude ein Blindentastmodell. Die gelungene Auftragsarbeit der Universität Berlin führte im Anschluss gleich zum Folgeauftrag für das Umgebungsmodell. Nun haben Menschen mit einer Sehbehinderung endlich die Chance, die gelesenen oder gesprochenen Beschreibungen von den Gebäuden in gefühlte Räumlichkeit umzuwandeln und Raumvorstellungen auch wirklich zu verstehen. Die Tastmodelle im Reichstag haben einen Weg gezeigt, wie Barrieren auch für Menschen mit Sehbehinderungen in öffentlich besuchten Gebäuden abgebaut werden können und ermutigen zur Nachahmung.

Verbreitung des Themas in die Lehre der Architektur

Die ungewöhnliche Lehre und Auftragsverwirklichung von Burkhard Lüdtke hat eine neue Aufgabe und Chance für das Fachgebiet Architektur eröffnet. Weiterhin sollen in der neu geplanten DIN-Norm für barrierefreies Bauen in Deutschland neben den Menschen mit körperlichen Behinderungen mehr als in der derzeitig gültigen Norm auch die Menschen mit Sinnesbehinderungen Beachtung finden. Hierzu zählt das Themengebiet Barrierefreiheit für Menschen mit Sehbehinderungen. Um ein Gebäude als blinder Mensch überhaupt sicher begehen und benutzen zu können, benötigt dieser ihm entsprechende Informationsträger wie unter anderem Tastpläne, Tastmodelle, Bodenindikatoren, tastbare Schilder oder Zimmernummern. Für diese speziellen Bedürfnisse muss ein grundlegendes Bewusstsein gerade für Studierende des Fachgebietes Architektur entwickelt werden, da diese später öffentliche Gebäude planen werden. Die Fachhochschule Biberach hat sich diese Aufgabe zu Herzen genommen und vermittelt ihren Studierenden im Wahlfach „Barrierefreies Planen und Bauen“ die unterschiedlichen räumlichen Erfordernisse bei den vielfältigen Behinderungsarten. Neben Erlebnissen wie selbst im Rollstuhl fahrend die eigene Stadt oder mit verbunden Augen geführt die eigene Hochschule erleben zu können, bekommen die Studierenden die theoretischen Inhalte des barrierefreien Bauens vermittelt. Als Seminaraufgabe bekamen sie unter anderem die Aufgabe in Gruppenarbeiten von einzelnen Gebäuden ihrer Hochschule Tastmodelle zu erstellen. Direkte Rückmeldung zu ihren Werken bekamen sie von zwei blinden Menschen, die zu einer Lehrveranstaltung eingeladen waren.

Die Architektur steht vor enormen Möglichkeiten aber auch vor großen Aufgaben. Die demographische Entwicklung fordert Veränderungen in der räumlichen Gestaltung und bei einer zunehmend älteren Bevölkerung nimmt neben den anderen Behinderungsarten ebenfalls die Anzahl der Menschen mit Sehbehinderungen zu. Betroffene sind als Spezialisten gefragt und das Äußern von Bedürfnissen kann sich lohnen!

Ein Artikel von Ulrike Jocham, der interdisziplinären Bausachverständigen für Barrierefreiheit, Universal Design, Inklusion und Nullschwellen

Mehr Infos zur Fachzeitschrift BEHINDERTE MENSCHEN: www.behindertemenschen.at

Ulrike Jocham_Blindentastmodelle_BEHHINDERTE MENSCHEN 5-2008

 

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