Nullschwellen sind Regelfall

Nullschwellen sind Regelfall – Interview mit Ulrike Jocham, Frau Nullschwelle® in der Zeitschrift MENSCHEN, Ausgabe 6-2020

Nullschwellen sind Regelfall, kein Sonderfall _ Interview mit Ulrike Jocham, Frau Nullschwelle, von der Fachzeitschrift MENSCHENDie neueste Stellungnahme des Deutschen Institutes für Normung e.V. (DIN) in Berlin schafft Klarheit zum Thema barrierefreie Eingangstüren und Türen auf Balkon oder Terrasse. Sie stellt fest, dass Nullschwel­len auch nach der Norm für Bauwerksabdichtung der Regelfall sind. Bereits im Jahr 2013 konnte Ulrike Jocham, die von der Türen­ und Fensterbranche den Namen Frau Nullschwelle® erhalten hat, eine solche Klarstellung durch eine Anfrage beim Deutschen Institut für Normung (DIN e.V.) in einer deutschlandweit bedeutenden Nullschwel­ len­Stellungnahme zur Norm für barrierefreies Bauen erwirken. Öffentlich gemacht wurde dies durch unsere Zeitschrift in der Ausgabe 3/4 des Jahres 2013 unter dem Titel „Barrierefrei – nicht immer barrierefrei“. Bis heute haben Schlüsselmultiplikatoren diese wichtige Klarstellung aber nicht an die Baubranche weitergegeben und so glauben Bauverantwortliche nach wie vor, dass Null­schwellen einen Sonderfall darstellen.

 

Frau Jocham, jetzt ist offiziell klargestellt, dass Nullschwellen den Regelfall und nicht die Ausnahme darstellen, sowohl nach der Norm für Barrierefreiheit als auch nach der Norm für Bauwerksabdichtung. Freuen Sie sich über diese Klarstellung?

Ja natürlich, endlich sind durch mein beharrliches Nachfragen für alle Bauverantwortlichen alle normativen Befürchtungen aus dem Weg geräumt – die Bahn ist nun frei für den Bau von barrierefreien Nullschwellen.

 

Warum hat die Baubranche seit über 20 Jahren ein bis zwei Zentimeter hohe Schwellen beim barrierefreien Bauen und sogar bis zu 15 cm hohe Türschwellen beim konventionellen Bauen eingebaut?

Ein Grund dafür war die Fehlannahme, Nullschwellen würden im Bereich der Bauwerksabdichtung die anerkannten Regeln der Technik nicht abbilden oder einen Sonderfall darstellen. Bis heute werden der­ artige Behauptungen in Broschüren und Zeitschriften veröffentlicht, ohne jegliche Belege und ohne Rückfrage beim Deutschen Normungsinstitut (DIN e.V.). Dieses muss sicherstellen, dass Normen nicht im Widerspruch zu Rechts­ und Verwaltungsvorschriften stehen. Die Norm für Bauwerksabdichtung darf folglich nicht im Widerspruch zur Norm für barrierefreies Bauen stehen. Eine rechtzeitige Prüfung und Klarheit hätte vielen Architekten und Fensterbauern den Einbau von Nullschwel­ len erleichtert. Die DIN 18040 mit ihren Nullschwellen­Forderungen ist in zahlreichen Verwaltungsvorschriften der technischen Baubestimmungen auf Länderebene eingeführt.

 

Von der Baubranche wurde zum einen immer behauptet, dass Nullschwellen nach der Norm für Bauwerksabdichtung einen Sonderfall darstellen und zum anderen, dass Nullschwellen nach der Norm für Barrierefreiheit technisch nicht möglich sein sollen.

Bereits seit über 15 Jahren belege ich, dass Nullschwellen technisch schon seit über 24 Jahren gelöst sind. Die Nullschwellen­ Forderungen der DIN 18040 sind mit der technischen Gelöstheit gekoppelt. Diese Kopplung wurde ebenfalls u. a. von Schlüsselmultiplikatoren versucht, mit Behaup­ tungen (Nullschwellen seien technisch nicht möglich) zu umgehen. Bis heute werden derartige technische Fehlannahmen ohne Belege und Prüfungen veröffentlicht. Das Institut für Fenstertechnik (ift) Rosenheim z. B. hat in einer öffentlich geförderten Forschungsarbeit im Juni 2018 argumentiert, dass die Anforderungen der DIN 18040 nach schwellenlosen Übergängen aufgrund verschiedener technischer Leistungsanforderungen nicht erfüllt werden könnten. Nach ausführlichen Stellungnahmen von mir hat der damals zuständige Institutsleiter Prof. Sieberath im Sommer 2019 öffentlich seine ift­Autoren korrigiert und betont, das ift wolle an den gesetzlichen Vorgaben nicht rütteln, die Nullschwelle sei an sich die beste Lösung. Auch das DIN e.V. widerspricht auf Anfrage von mir im Juli 2018 der unbelegten Behauptung der ift­Autoren: Nullschwellen könnten mit unterschiedlichen Maßnahmen zuverlässig hergestellt werden. Leider wurden bis heute die fehlerhaften Teile des ift­Forschungsberichtes, der öffentlich im Internet zugänglich ist, nicht den vorhandenen technischen Nullschwellen­Lösungen und den daraus folgenden gesetzlichen Nullschwellen­Vorgaben entsprechend korrigiert.

 

Welche Folgen müssten Ihrer Meinung nach aus der aktuellen Klarstellung des Deutschen Institutes für Normung e.V. (DIN) gezogen werden?

Alle Interessensvertretungen von Bau­ verantwortlichen und von Menschen mit Behinderung müssen dringend die technische Machbarkeit von Nullschwellen, die immer noch viel zu unbekannte Nullschwellen­Stellungnahme aus 2013 und die aktuelle Regelfall­Stellungnahme flächendeckend bekannt machen und sie müssen dafür sorgen, dass die darin enthaltenen Vorgaben für barrierefreie Eingangstüren und Türen auf Terrasse oder Balkon umgesetzt werden.

 

Ulrike Jocham – Die Frau Nullschwelle®

Dipl.-Ing.in Architektur Heilerziehungspflegerin

Interdisziplinäre Bausachverständige für Barrierefreiheit, Universal Design, Inklusion und Nullschwellen sowie Bausachverständige für Schäden an Gebäuden (DESAG)

Interdisziplinäre Sachverständige und Beraterin für Heime, Betreute Wohnanlagen und inklusive Wohnprojekte

 

Nullschwellen sind Regelfall – weitere Informationen und Quellen:

www.die-Frau-Nullschwelle.de

 

Weitere Informationen zur Fachzeitschrift MENSCHEN:

www.zeitschriftmenschen.at

Das Interview „Nullschwellen sind Regelfall“ gibt es hier zum Download: Interview_Frau Nullschwelle_ZeitschriftMENSCHEN_Nullschwellen als Regelfall

Mehr Infos zur Person Ulrike Jocham

 

„Die Norm schließt daher niveaugleiche Schwellen nicht aus, im Gegenteil, durch ihre Benennung sind sie als Regelfall aufzufassen, (…).“ (Aus der neuesten Stellungnahme des Deutschen Institutes für Normung e. V. zum Thema barrierefreie Türen in der Norm für Bauwerksabdichtung)

2 Comments, RSS

  1. Avatar

    Hannes Bartschneider 8. April 2021 @ 12:29

    Ich suche momentan nach einem Bauwerksabdichter für mein Dach. Ich wusste nicht, dass Nullschwellen hier nun die Norm sind. Ich freue mich, dass es hier zu einer einheitlichen Regelung gekommen ist.

  2. Avatar

    Anton Schneider 24. Oktober 2021 @ 20:39

    Interessanter Artikel über Bauunternehmen und Nullschwellen. Es ist gut zu wissen, dass heutzutage Nullschwellen der Regelfall ist, auch wenn anderes behauptet wird. Ich denke, dass es wichtig ist, hinter den Kulissen zu schauen.

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