Gefördertes Forschungsvorhaben vom ift Rosenheim missachtet UN-BRK

Das Cover der GLASWELT-Ausgabe 12/2018, in dem der kritische Kommentar zum Forschungsvorhaben vom ift Rosenheim von Ulrike Jocham, der Frau Nullschwelle, erschienen istDas ift Rosenheim fordert mit seinem neuen Forschungsvorhaben „passierbare“ oder gar „überrollbare“ Türschwellen“, obwohl dafür längstens keine technischen Gründe mehr bestehen, insbesondere im Neubau. Nullschwellen sind technisch längstens gelöst. Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) fordert eine Zugänglichkeit für alle und ein Universal Design, das jeder nutzen kann. Da Nullschwellen an Außentüren jeder nutzen kann, entsprechen diese dem geforderten Universal Design vollumfänglich und Türschwellen egal ob besser oder schlechter „überrollbar“ nicht!

Die Fachzeitschrift Glaswelt hat in der aktuellen Ausgabe 12/2018 einen kritischen Kommentar von mir veröffentlicht. Die ungekürzte Fassung beginnt ab hier, einen Link zum Fachbeitrag aus der Glaswelt gibt es am Ende des Blogbeitrags:

 

Nur Nullschwellen sind von allen nutzbar und technisch längst gelöst

ein Kommentar von Ulrike Jocham

Mit dem neuen Forschungsbericht handelt das ift Rosenheim außerhalb seiner Profession und vernachlässigt ganz entscheidende Aspekte zum Thema Nullschwelle. Allerspätestens jetzt ist disziplinübergreifendes Handeln gefragt. Die öffentlich geförderte Forschung zur „Bewertung der Barrierefreiheit von Bauelementen am Anwendungsbeispiel Fenster und Türen“ steht im deutlichen Widerspruch zur UN-Behindertenrechtskonvention. Bei dieser handelt es sich nicht um irgendeine Kleinigkeit, sondern um das Gesetz zu dem Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-Behindertenrechtskonvention oder UN-BRK). Dieses wurde bereits am 31.12.2008 im Bundesgesetzblatt veröffentlicht und führt seither zu massiven Veränderungsprozessen in der Behindertenhilfe. Leistungsanbieter aus diesem Bereich sind angehalten das dezentrale gemischte Leben in der Gesellschaft von Menschen mit Behinderung zu ermöglichen. Dafür werden jedoch überall im ganz normalen Wohnungsbau Wohnungen benötigt, die von Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen genutzt werden können. Die Behindertenhilfe spricht von Inklusion, was einfach übersetzt bedeutet, das jeder überall teilhaben kann. Sie spricht weiterhin von Diversity Management (Vielfaltsmanagement), was verlangt, das Konzepte, Produkte und Bauwerke so gestaltet sein müssen, dass diese der menschlichen Vielfalt gerecht werden. Die Autoren des ift Rosenheim hingegen ignorieren mit ihren Forschungsaktivitäten diese veränderten Bedarfsentwicklungen. Die UN-BRK fordert ein universelles Design, das von jedem Menschen genutzt werden kann. Das ift Rosenheim hingegen möchte eine „Kategorisierung“ von Menschen. Nur für „Rollatornutzer“ seien schon geringe Schwellenhöhen eine Stolpergefahr oder könnten gar eine Unüberwindbarkeit bedeuten? Es gibt nicht den Nutzer eines Rollators oder eines Rollstuhls. Es gibt verschiedenste vielfältige Nutzer. Und es gibt nun mal Menschen, die nicht über Türschwellen gelangen können. Selbst Experten im Bereich Bauen für Menschen mit Sehbehinderung und Vollerblindung sagen, dass schwellenfreie Türen besser sind und Türschwellen zur Orientierung in Gebäuden und Wohnungen sowie deren Außenhüllen nicht benötigt werden. Die UN-BRK verlangt ein Recht auf umfassende Teilhabe für alle Menschen mit Behinderung, auch von denjenigen mit intensiverem Unterstützungsbedarf. Die Forschungsansätze vom ift Rosenheim hingegen führen zum Gegenteil. Und das grundlos! Denn es gibt keine technischen Gründe mehr, die Türschwellen rechtfertigen, insbesondere im Neubau. Alle Versuche diese besser oder schlechter überrollbar zu gestalten, bedeuten einen technisch grundlosen Rückstand. Laut ift Rosenheim seien die Schlagregendichtheit, die Luftdurchlässigkeit und die Einbruchhemmung technische Gründe, die die diskriminierenden Rückschritte in Richtung 1 – 2 cm hoher Türschwellen rechtfertigen sollen. Erstaunlich, denn all dies und zahlreiche weitere Leistungseigenschaften sind bei Nullschwellen gelöst. Dem ganzen Forschungsansatz fehlt allein dadurch jegliche Sinnhaftigkeit.

Fragwürdige Professionsüberschreitungen

Mit der Verwendung von Substantivierungen wie „Sehbehinderte“, „Rollstuhlfahrer“, „Blinde“ oder gar „Demenzkranke“ zeigt das ift Rosenheim, dass es über 30 Jahre Weiterentwicklung in der Behindertenpolitik verschlafen hat. Allein diese Argumentation lässt auf die Qualität und Rückständigkeit der anderen Argumentationen schließen. Zusätzlich fehlen weiteren Behauptungen fundierte Grundlagen. Das Thema Nullschwellen an sich ist ein sehr komplexes Thema und erfordert ein umfassendes Spezialwissen zu den Nullschwellen-Türdichtungen an sich, zu den möglichen Bauwerksabdichtungen und zu den unterschiedlichen Anschlussvarianten. Doch selbst bei den Anschlüssen zeigen die Verantwortlichen des ift Rosenheims einen Wissensmangel. Im Forschungsbericht auf Seite 55 verweisen sie auf eine schlechte Passierbarkeit der Magnet-Nullschwellen-Technik durch nachträgliche Absenkungen z.B. einer direkt angrenzenden Entwässerungsrinne hin. Dass genau diese Technik bei einer entsprechenden Planung keine direkt angrenzende Entwässerungsrinne benötigt, versäumen die Autoren zu erwähnen. Auch die möglichen einklipsbaren Anschlüsse bei Magnet-Nullschwellen für Rinnen, Fußabstreifer uvm. mit nachhaltigen kantenfreien Übergängen werden nicht erläutert.

Wo bleiben die Nullschwellen-Expertise und die Neutralität

Als unterstützende Industriepartner werden insgesamt 11 Unternehmen aufgeführt. Jedoch keiner davon kann ausreichende Erfahrungen hinsichtlich Einbaubeispielen und nachhaltigen Systemsicherheiten von Nullschwellen an Außentüren vorweisen. Kein einziges dieser Unternehmen hat sich vor der bedeutenden Nullschwellen-Stellungnahme vom Arbeitsausschuss der DIN 18040 (siehe Artikel von Ulrike Jocham in der Fachzeitschrift BEHINDERTE MENSCHEN ¾ 2013) oder dem Nullschwellen-Runderlass der obersten Baurechtsbehörde Baden-Württemberg bereits aus dem Jahr 2014 für Nullschwellen an Drehflügel-Außentüren engagiert. Erst nach dem rechtlichen Druck in den Jahren 2013/2014 machten sich einige Hersteller auf den Weg. Die Anforderungen des demografischen Wandels sind längst bekannt. Tatsächlich hat sich nur ein Hersteller bereits vor über 2 Jahrzehnten den neuen technischen Herausforderungen gestellt. Deshalb kann auch nur dieser eine Hersteller tatsächliches praktisches Wissen in der Umsetzung von Nullschwellen mit einer über 20-jährigen Erfahrung vorweisen. Doch genau dieser eine Hersteller wird bei den unterstützenden Industriepartnern nicht aufgeführt. „Wir sind nicht einmal gefragt worden, weder zu einer möglichen Teilnahme noch zu technischen Fragestellungen“, erklärt die Geschäftsführerin der ALUMAT Frey GmbH Claudia Rager-Frey. Es bleibt die dringende Frage offen weshalb?! Das ift Rosenheim beschreibt sich selbst als neutrales wissenschaftliches Institut.

Wirtschaftlichkeit und Kosten

Auch „überrollbar“ gestaltete Türschwellen müssen auf Kosten der sozialen Sicherungssysteme und der Bürger zurückgebaut werden. Bei den längst vorhandenen Einsparpotentialen der Magnet-Nullschwellen-Technik wie z.B. Rinne, Vordach und industrieller Vorfertigungsweise müssen Nullschwellen beim Streben der Bundesregierung nach Chancengleichheit, Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit längst eine Selbstverständlichkeit darstellen. Mit Innovation hat der Forschungsansatz des ift Rosenheim insbesondere im Zeitalter von Inklusion und demografischem Wandel nichts zu tun. „Wenn du Innovation willst, musst du aus dem System heraustreten“, hat schon Bertrand Piccard erklärt.

Ulrike Jocham, die Frau Nullschwelle

 

 

Den veröffentlichten Kommentar aus der Fachzeitschrift GLASWELT gibt es unter diesem Link:

http://service.gentnerverlag.de/download/pdf/gw/Nullschwellen.pdf

Es wird höchste Zeit innovations- und inklusionshemmende Strukturen, die zusätzlich einen Schaden für eine immer älter werdende Gesellschaft bedeuten, zu überprüfen. Einen Einblick in diese Strukturen, die Fortschritt und Ressourceneffizienz ausbremsen, gibt es im Blogbeitrag „Innovations- und inklusionshemmende Strukturen durch Normen“!

 

 

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