Schwer behinderte Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt

Schwer behinderte Menschen können mit inklusiven Arbeitsplätzen einen Gewinn für beide Seiten bedeuten – für Arbeitgeber und für Arbeitnehmer! Ein konkretes Beispiel, das Ulrike Jocham in einem Fachartikel in der Fachzeitschrift BEHINDERTE MENSCHEN Ausgabe 5/2007 beschreibt, zeigt es! Ein Artikel bereits aus dem Jahr 2007 macht heute immer noch Mut zu fortschrittlichen Inklusionsmöglichkeiten auf dem 1. Arbeitsmarkt!

Ausführliche Informationen zur Fachzeitschrift BEHINDERTE MENSCHEN, in der der Artikel erschienen ist, gibt es unter: www.behindertemenschen.at

Ab hier geht der Fachartikel von Ulrike Jocham in Textform los:

Für beide Seiten ein Gewinn: Schwer behinderte Menschen auf dem ersten Arbeitsmarkt

Der Verein Alt und Jung in Bielefeld (Deutschland) bietet Assistenzleistung von Menschen mit Behinderung und Senioren an. Neben rund 400 freiberuflichen pädagogischen und pflegerischen Fachkräften sind dort insgesamt fünf Menschen mit schweren Behinderungen fest angestellt. Diese Arbeitsmöglichkeit für Menschen, die oftmals keine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt bekommen, stellt für beide Seiten einen Gewinn dar – für Arbeitgeber und für Arbeitnehmer.

Matthias Klei, der seit Geburt eine spastische Lähmung hat, und im Rollstuhl sitzt, begann als erster Mitarbeiter mit einer schweren Behinderung bei Alt und Jung e.V. Der Verein entwickelt und fördert selbstbestimmte Wohn- und Betreuungsmöglichkeiten für Menschen mit Assistenz- und Pflegebedarf. In mittlerweile 24 Wohnprojekten nach dem Bielefelder Modell stellt Alt und Jung die 24-stündige Versorgungssicherheit durch seine Serviceteams sicher. (In der Zeitschrift BEHINDERTE MENSCHEN, Nummer 3 können Sie sich auf Seite 10 über die Wohnprojekte und das Bielefelder Modell genauer informieren!) Matthias Klei ist Bürokaufmann und konnte seit Beginn seiner Tätigkeit im Jahr 1999 in unterschiedlichen Aufgabenbereichen tätig werden. Heute hat er die Möglichkeit, sein persönliches Steckenpferd weiter zu entwickeln: Den individuellen Service für Menschen mit Behinderungen. Er baut innerhalb des Vereines den ganz neuen Servicebereich auf, der unter anderem durch Beratung Menschen mit Behinderungen über ihre Rechte aufklärt und über selbstbestimmte Wohnmöglichkeiten mit gesetzlich finanzierbarer Betreuung informiert. In Deutschland ist dieses Betreuungsmodell unter ISB – individuelle Schwerstbehindertenbetreuung bekannt: Menschen mit schweren Behinderungen werden von jeweils einer Assistentin oder einem Assistenten im Schichtwechsel in der eigenen Wohnung persönlich unterstützt. Gesetzliche Hürden und mangelnder Informationsfluss erschweren vielen Betroffenen ein selbstbestimmtes Leben mit allen Freiheiten, die für Menschen ohne Behinderung selbstverständlich sind. Matthias Klei kann sich ganz besonders mit diesem Aufgabenbereich der ISB-Beratung identifizieren: „Je mehr ich weiß, desto mehr kann ich für mich selbst und andere verwirklichen!“

Die ISB bei Herrn Klei

Der junge Mann mit körperlicher Behinderung nimmt das Betreuungsmodell der individuellen Schwerstbehindertenbetreuung persönlich in Anspruch. In seiner Freizeit stehen ihm insgesamt sieben Assistentinnen und Assistenten aus dem Bereich der Altenpflege, Heilerziehungspflege, Sozialarbeit sowie Studenten (auch aus fachfremden Gebieten) im Schichtwechsel mit jeweils einer eins zu eins Betreuung zur Verfügung. Von Montag bis Freitag bekommt der junge Bürokaufmann acht Betreuungs- stunden und am Wochenende pro Tag jeweils zwölf Betreuungsstunden. Die Assistentinnen und Assistenten für die ISB arbeiten freiberuflich unter der Fachaufsicht von Alt und Jung. Matthias Klei, in diesem Fall als Kunde, sucht sich seine persönlichen Unterstützerinnen und Unterstützer selbst aus. Meistens sind im Bereich der ISB Fachkräfte aus dem Sozialen tätig. Die pflegerische und pädagogische Qualifikation stellt jedoch keine Voraussetzung dar. In dieser Betreuungskonzeption bestimmt der Kunde über Abläufe, die sein Leben beeinflussen. Matthias Klei bekommt keine fremden Tagesstrukturen, wie beispielsweise zu einer bestimmten Zeit abends ins Bett gehen, aufgezwängt. Und wenn die Chemie nicht stimmt, ist er nicht auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Mit Fachkräften aus den Bereichen der Kranken-, Alten- und Heilerziehungspflege hat Matthias Klei bereits einige negative Erfahrungen gesammelt. „Die Pflegerinnen und Pfleger bevormunden häufig und lassen erwachsenen Menschen keinen Spielraum, selbst zu entscheiden. Viele sehen nur die pflegerischen Aufgaben. Bei der ISB spielt die Pflege jedoch nur eine Nebenrolle, die qualitätsvolle Lebensgestaltung ist wichtig!“, erzählt der junge Rollstuhlnutzer.

Die persönlichen Erfahrungen kommen dem jungen Mann mit Bewegungseinschränkung beim Aufbau des neuen Bereiches bei Alt und Jung natürlich sehr zugute. Sie motivieren ihn, die Aufgabe mit Leidenschaft auszuführen. Neben dem ISB-Bereich ist Matthias Klei für die Öffentlichkeitsarbeit von Alt und Jung zuständig und gibt Fortbildungen für pädagogische und pflegerische Fachkräfte zum Thema „Rechtliche Grundlagen zur individuellen Schwerstbehindertenbetreuung und Arbeitsassistenz“ sowie „Welche Ansprüche hat ein Mensch mit Behinderung an seine Pflegekräfte?“ Die Fortbildungen hält er für die freiberuflichen Fachkräfte von Alt und Jung, aber auch für Fachkräfte anderer ambulanter Pflegedienstanbieter. Als weitere Qualifikation erwarb er den Ausbildereignungsschein und konnte bereits drei neue Bürokaufleute ausbilden. Natürlich hätte Matthias Klei großes Interesse, jungen Menschen mit schweren Behinderungen hier eine Möglichkeit zu bieten. Es gab jedoch bisher keine Bewerbung von dieser Zielgruppe und die zuständige Agentur für Arbeit zieht konventionelle Ausbildungsmöglichkeiten vor. Weitere Verbreitung von Informationen an Betroffene kann dies zukünftig ändern. Der junge Mann hat in seiner Arbeitsstelle quasi die Möglichkeit, all seine besonderen Fähigkeiten aufgrund seiner Behinderung in die Tätigkeit einzubringen. An diesem Punkt könnte man sich fragen, warum bei Menschen mit Behinderungen häufig der Fokus hauptsächlich auf deren Defizite gelegt wird und die oftmals sehr beachtlichen Fertigkeiten eher übersehen werden?! Der Einsatz von Matthias Klei zeigt jedenfalls großen Erfolg, innerhalb drei Wochen ist die Anzahl der ISB-Kunden bei Alt und Jung von sechs auf zehn gestiegen!

Hilfsmittel und Assistenz am Arbeitsplatz

Der Arbeitsplatz ist den individuellen Bedürfnissen angepasst. Die Arbeitsplatte des Schreibtisches und der Elektrorollstuhl lassen sich per Knopfdruck in der Höhe verstellen. Moderne Technikmöglichkeiten wie Freisprechtelefon, Communikator-Handy, Laptop und Beamer erleichtern zusätzlich die Arbeitsabläufe von Matthias Klei. Alle weiteren benötigten Hilfestellungen erhält er von vier Arbeitsassistentinnen und Arbeitsassistenten in seinem Job. „Das sind meine Hilfsmittel!“, scherzt er freudig. Im Gegensatz zur ISB arbeiten im Berufsalltag nur Studentinnen und Studenten. Sie ersetzten dem Bürokaufmann seine Arme und Beine und übernehmen beispielsweise Kopieraufgaben oder schreiben Briefe und E-Mails nach Diktat. Aufgrund einer Sprachstörung können fremde Personen nicht alle Äußerungen klar und richtig zu verstehen. Bei Telefonaten ist die Arbeitsassistentin oder der Arbeitsassistent mit in der Leitung, und sobald die Gesprächspartnerin oder der Gesprächspartner etwas nicht versteht, bekommt sie oder er eine schnelle und kurze Übersetzung. Das gleiche passiert auch auf den Fortbildungsveranstaltungen, wenn einer Teilnehmerin oder einem Teilnehmer etwas nicht verständlich ist, dolmetscht die Arbeitsassistenz. Die Palette der Aufgabenbereiche von der jeweiligen Arbeitsassistenz ist vielfältig, sie gleichen die Behinderung aus. „Sehr viele wissen nichts von dem Rechtsanspruch auf Übernahme der Kosten“, erzählt der 36- jährige Bürokaufmann. Der zuständige Landschaftsverband Münster als Kostenträger hat einige Prüfungen über die benötigte Arbeitsassistenz veranlasst. Als Ergebnis konnte die Höchstförderung erzielt werden. Im Regelfall sind abhängig vom täglichen Unterstützungsbedarf zwischen 275,00 Euro und 1100,00 Euro als monatliches Budget möglich. Die Studenten erhalten einen Stundenlohn von 10,00 Euro auf freiberuflicher Basis.

Für diesen Arbeitsplatz war keine Bewerbung notwendig!

Matthias Klei hat seine Ausbildung in einem klassischen Berufsbildungswerk für Menschen mit körperlicher Behinderung absolviert. Als frisch ausgebildeter Bürokaufmann und wohnhaft in Bünde bei Bielefeld war sein größter Wunsch, in einer eigenen Wohnung leben zu können. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits 40 Bewerbungen ohne Resonanz geschrieben. Über die Reha-Messe in Düsseldorf und die Stadtverwaltung in Bielefeld erfuhr er von der Wohnprojektberatung des Vereins Alt und Jung. Aus dem Anliegen: „Ich suche eine Wohnung.“, wurde eine Arbeitsstelle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Nur in einem Nebensatz erwähnte Matthias Klei in seinem Anfragetelefonat, dass er Bürokaufmann und arbeitslos sei. Zwei Monate später meldete sich Theresia Brechmann, Keimzelle und Vorsitzende des Vereins persönlich. Aus der Einladung zu einem Beratungstermin bezüglich der Wohnungssuche wurde ein Vorstellungsgespräch. Nach einer kurzen Praktikumszeit bekam er an seinem 28. Geburtstag einen unbefristeten Arbeitsvertrag! Der Verein Alt und Jung hat es uns vorgemacht. Spezialisten als persönlich Betroffene können die Qualität von ambulanten Serviceanbietern enorm steigern. Wären nicht weitere Pflegedienstanbieter, Aus- und Weiterbildungseinrichtungen oder sogar stationäre Einrichtungen ein idealer Arbeitsplatz für Menschen wie Matthias Klei?!

Ein Text von Ulrike Jocham, der Frau Nullschwelle

Der Fachartikel als pdf: inklusiveArbeitsplaetze_UlrikeJocham

 

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