Das Universal Design des Bielefelder Modells

Cover von Barrierefrei - Das Magazin Ausgabe 6/2014 mit Artikel von Ulrike Jocham, der Frau Nullschwelle zum Bielefelder Modell und den darin eingebauten NullschwellenDas Universal Design des Bielefelder Modells: Benutzerfreundlichkeit in der Architektur – Universelles Design in Wohnungen und bei Serviceleistungen

Die inklusive Wohnkonzeption ist unabdingbar auf Nullschwellen an Außentüren angewiesen. Wenn bereits Hauseingänge mit 1 – 2 cm hohen Türschwellen ausgrenzen, kann  keine Inklusion erreicht werden. Lesen Sie mehr im folgenden Artikel:

Dieser Artikel von Ulrike Jocham ist erstmals in Barrierefrei – das Magazin Ausgabe 6/2014 erschienen. Plan aktuell hat diesen in der Ausgabe 3-4/2015 ebenfalls veröffentlicht. Und auch die Fachzeitschrift Flechtwerk – Lebendige Nachbarschaften und Integration hat diesen Beitrag in der Ausgabe 4/2016 publiziert.

In Bielefeld gibt es Wohnungen, die von nahezu allen Menschen in allen Lebensphasen benutzerfreundlich bewohnt werden können. Zusätzlich fördern soziale Serviceleistungen eine unterstützende Umgebung, die von jedem in Anspruch genommen werden kann. Zwei fortschrittliche Unternehmen, die Bielefelder Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft mbH (BGW) und der soziale Dienst Alt und Jung e.V., haben mit der Entwicklung des Bielefelder Modells eine Wohnmöglichkeit geschaffen, die zahlreichen Prinzipien des Universal Designs, einem Designkonzept aus den 1980er Jahren von dem amerikanischen Architekten Ronald L. Mace, entsprechen. Seit 2009 möchte auch Deutschland universelles Design umsetzen, denn die seither in Kraft getretene UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) fordert genau diesen Designansatz: „Produkte, Umfelder, Programme und Dienstleistungen sind so zu gestalten, dass sie von allen Menschen möglichst weitgehend ohne eine Anpassung oder ein spezielles Design genutzt werden können.“ Die BGW und der Verein Alt und Jung war mit der Umsetzung eines universellen Designs im Bereich Wohnen schneller, das erste Wohnprojekt nach dem Bielefelder Modell startete bereits 1996.

Das Bielefelder Modell

Werner Stede von der BGW und Theresia Brechmann von Alt und Jung e.V. waren die beiden Wohnkonzeptentwickler, die ein ganz neuartiges gemeinschaftliches Wohnen von Menschen mit und ohne Pflege- und Assistenzbedarf sowie Menschen mit und ohne Transferleitungen in Mietwohnungen ermöglichten. Wichtiges Ziel waren z.B.: Möglichst jeder sollte ungeachtet der individuell unterschiedlichen Fähigkeiten, des Alters und Geschlechts oder des kulturellen Hintergrunds eine eigene Mietwohnung mit mindestens zwei Zimmern, Küche und Bad sowie alle benötigten Unterstützungen erhalten können. Möglichst jeder sollte befähigt werden, selbst bei vorhandenem oder zunehmend hohem Hilfebedarf bis zum Tod in seiner eigenen „ganz normalen“ Wohnung im ganz „normalen Quartier“ wohnen bleiben zu können, ohne gezwungen zu sein, in eine Sondereinrichtung zu ziehen, wenn die jeweilige Person dies nicht möchte. Wohncafés als vom Wohnungsunternehmen zur Verfügung gestellten Gemeinschaftsräume sollten der Gefahr der Vereinsamung entgegenwirken und die Hilfe zur Selbsthilfe sollte gefördert werden.

Die Samen, die die beiden Gründer gesät haben, gingen auf. Heute hat die BGW bereits 14 Wohnprojekte ins Leben gerufen und Alt und Jung e.V. ist so groß geworden, dass er sich in zwei Vereine geteilt hat, die zusammen insgesamt 24 Wohnprojekte begleiten und vernetzende Angebote für die umgebenden Quartiere bieten. Mittlerweile sind sogar weitere Wohnungsunternehmen und soziale Dienste in diesem neuen Aufgabengebiet tätig, in Bielefeld selbst, aber auch im ganzen Bundesgebiet.

In einem Wohnprojekt gibt es im Durchschnitt rund 42 absolut schwellenfreie Wohnungen mit ausreichend großen Bewegungsflächen. Durch die Bereitstellung von zirka vier bis sechs Wohnungen, für die der soziale Dienstleister ein Vorschlagsrecht hat und Menschen mit bereits sehr hohen Hilfebedarf eine selbstbestimmte Wohnmöglichkeit eröffnet, wird die wirtschaftliche Ausgangsbasis für die 24-stündige Anwesenheit des ambulanten Dienstes im Quartier geschaffen. Der Sozialmanager der BGW betont: „Diese Wohnungen mit Vorschlagsrecht sowie die Präsenz im Servicestützpunkt und im Wohncafe, sind der Türöffner für den sozialen Dienstleister ins Quartier und somit Ausgangspunkt dafür, den für ein wirtschaftliches Arbeiten erforderlichen Kundenstamm mit unterschiedlichen Bedarfen im Viertel zu rekrutieren.“

Das besondere an dem mittlerweile bundesweit bekannten Modell, in dem Architektur und Soziales ganz neu miteinander verknüpft werden: Die Mieter profitieren von der neuen Vielfalt untereinander und jeder kann den Service erhalten, den er sich wünscht oder benötigt. Es gibt keinen Fokus auf eine bestimmte Zielgruppe, die sonst im Bundesgebiet bei sozialen Dienstleistungen als Standard anzutreffen ist, wie z.B. Dienste für Haushaltshilfen, Familienpflege, Kinder- und Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Altenhilfe oder spezielle Pflege. Auch die Wohngebäude entsprechen den Anforderungen einer extrem breiten Zielgruppe, nahezu alle Menschen können die Wohnungen in den neuen Wohnprojekten benutzerfreundlich bewohnen. Dieser Standard ist derzeit im deutschen Wohnungsbau noch nicht üblich. Im Regelfall entstehen Wohnungen, die von wesentlich weniger Menschen genutzt werden können oder auf eine spezielle Zielgruppe zugeschnitten sind, wie z.B. Gebäude für bestimmte Altersgruppen meist ältere Menschen oder Menschen mit einer körperlichen Behinderung, mit Lernschwierigkeiten (sog. geistigen Behinderung), einer schweren Mehrfachbehinderung oder MS, Demenz u.v.m.

Wesentliches in der Architektur der Wohnungen

Damit möglichst alle Menschen die einzelnen Wohnungen der Wohnprojekte benutzen können, zählen bei der Gestaltung innerhalb der BGW-Wohnprojekte folgende Mindestanforderungen

  • absolute Schwellenfreiheit auch bei Außentüren wie Wohnungseingangs-, Terrassen- und Balkontüren
  • universelles Design im Bad, mit bodengleicher Dusche und flexibel nutzbarem Duschvorhang ohne fest installierte Duschkabinen oder Duschwände als häufige Nutzungsbarrieren, unterfahrbares Waschbecken, ausreichend große Bewegungsflächen von min. 120/120 Zentimetern
  • ausreichend große Bewegungsflächen auch in den übrigen Räumen von min. 120/120 Zentimetern
  • genügend breite Türen, mindestens 80 Zentimeter breite Innentüren, min. 90 Zentimeter breite Haus- und Wohnungseingangstüren
  • 45 Quadratmeter Mindestgröße einer Wohnung für eine Person
  • ausreichend geförderte Wohnungen mit einem entsprechenden Mietpreis, der den Einzug auch von Menschen mit Anspruch auf Transferleistungen ermöglicht

Durch die langjährige Wohnprojekterfahrung hat sich gezeigt, dass für die meisten Rollstuhlnutzer die Wohnungen mit den kleineren Bewegungsflächen von 120/120 Zentimetern im Gebrauch völlig ausreichend sind. Damit Rollstuhlnutzer mit z.B. großen E-Rollstühlen ebenfalls gut nutzbare Wohnungen erhalten, gibt es pro Wohnprojekt rund zwei Wohnungen nach der Norm für barrierefreies Bauen der DIN 18040 R (R für „rollstuhlgerecht) mit Bewegungsflächen von 150/150 Zentimetern, der überwiegende Rest der Wohnungen wird nach der DIN 18040 gestaltet.

Die Designqualität des Bielefelder Modells

Nach Dieter Rams, dem einflussreichsten Designer des 20 Jahrhunderts, macht gutes Design unter anderem ein Produkt brauchbar. Er plädierte immer dafür, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und das Unwesentliche zu eliminieren (beseitigen). Rams Kritik ist deutlich: „Was mich heute besonders stört ist diese Beliebigkeit und die auch damit verbundene Gedankenlosigkeit, mit der vieles produziert und vermarktet wird. Nicht nur auf dem Gebrauchsgütersektor, sondern auch in der Architektur, in der Werbung, überall haben wir zu viel Überflüssiges.“

In der täglich Nutzung von Außentüren sind Türschwellen überflüssig, vor allem weil diese nach offiziellen Prüfungen und Langzeiterprobungen in der Baupraxis schon seit über 15 Jahren technisch nicht mehr notwendig sind. Trotzdem sind diese sogar beim barrierefreien Bauen und in Sondereinrichtungen der Pflege mit bis zu zwei Zentimeter hohen Stolpergefahren bundesweit Standard?! Die fortschrittliche und kundenorientierte BGW hingegen gestaltet bereits als eines der ersten Wohnungsunternehmen seit 2005 alle Außentüren in ihren Wohnprojekten absolut schwellenfrei, um zu gewährleisten, dass alle Mieter komfortabel und sicher in ihre Wohnungen kommen und diese benutzerfreundlich bewohnen können. Für den erfahren Heilerziehungspfleger Bernd Pörtener ist eine schwellenfreie Gestaltung super praktisch: „Es liegt auf der Hand, dass Türen ohne Schwellen wichtig und besser sind, da muss man doch gar nicht darüber reden. Für viele die einen Rollstuhl benutzen kann auch eine Mauer in die Türe gebaut werden, die hat dann den gleichen Effekt wie zwei Zentimeter hohe Türschwellen, denn sie kommen nicht darüber.“ Die technische Herausforderung der benutzerfreundlichen Schwellenfreiheit selbst bei den schwierigen Außentürdichtungen hat als einziges Unternehmen bereits vor über 15 Jahren das Kaufbeurener Unternehmen ALUMAT mit revolutionären Prüfwerten gelöst. Selbst bei Windstärke 11, bei der Bäume ausgerissen, Autos aus der Spur geworfen und Dächer abgedeckt werden dichtet diese schwellenlose Erfindung mit einer revolutionären Schlagregendichtheit der Klasse 9 A zuverlässig ab. Die BGW baut seit 2005 die Magnet-Nullschwelle selbst in die sozial geförderten Wohnungen ihrer Wohnprojekte ein. Die MieterInnenwie beispielsweise Karin Kaiser genießen den Komfort: „Ich kaufe immer mit meinem Kochporsche ein. Wenn ich mir vorstelle ich müsste da über eine wenn auch kleine Türschwelle, das wäre schlimm, es würde mich Kraft kosten, die ich für etwas Anderes brauche!“ Die Schwellenfreiheit in ihrer Dusche genießt sie besonders, denn im Urlaub erlebt sie den Nachteil von Schwellen regelmäßig: „Oh je, da muss ich dann immer wieder rein- und raußsteigen!“

Text: Ulrike Jocham, die Frau Nullschwelle

 

Mehr Infos zum Bielefelder Modell:

Ein Artikel aus BEHINDERTE MENSCHEN Ausgabe 3-4/2007 von Ulrike Jocham: Das Bielefelder Modell geht diesen Weg: Alt und Jung als Chance für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen?

Ein weiterer Artikel der PFLEGEZEITSCHRIFT Ausgabe 8/2008 von Ulrike Jocham: Ein spannendes Wohnprojekt in Bielefeld bietet eine echte Alternative zur stationären Unterbringung – erste Heimplätze stehen leer

Weitere Artikel von Ulrike Jocham über das Bielefelder Modell werden an dieser Stelle noch verlinkt!

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