Barrierefreiheit in denkmalgeschützten Gebäuden – Fortschrittliche Außentürdichtung ersetzt hinderliche Türschwelle im Baudenkmal in Geislingen

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Barrierefreiheit in denkmalgeschützten Gebäuden – Fortschrittliche Außentürdichtung ersetzt hinderliche Türschwelle im Baudenkmal in Geislingen

Dieser Artikel von Ulrike Jocham ist in Barierefrei – Das Magazin Ausgabe 03/2015 erschienen.

Inklusion bedeutet, dass jeder Bürger überall am Leben in der Gemeinschaft teilhaben kann und niemand z. B. durch benutzerunfreundliche Architektur ausgeschlossen wird. Dieses Ziel ist bei der Stadt Geislingen an der Steige hoch angesiedelt. Damit jeder Bürger ungehindert zu wichtigen Ämtern wie unter anderem Bürgerservice, Einwohnermeldeamt oder Ordnungsamt gelangen kann, wurde am 27.06.2014 im denkmalgeschützten Schubarthaus, einem Teilgebäude des Geislinger Rathauses, die vorhandene, insgesamt drei Zentimeter hohe Türschwelle der Eingangstüre komplett abgebaut und durch eine schwellenfreie Magnet-Doppeldichtung ersetzt.

Gestaltungsanforderung Barrierefreiheit und Gebrauchstauglichkeit

„Gerade öffentliche Ämter müssen für jeden Bürger sicher und komfortabel ohne Hindernis oder Stolpergefahr zugänglich sein“, betont Joachim Burkert, der als Leiter des Geislinger Hochbauamtes den schwellenfreien Eingang ermöglichte: „Die Initialzündung für diese Umbaumaßnahme kam vom Stadtbehindertenring STeiGle – Selbstbestimmung, Teilhabe, Gleichberechtigung, der innerhalb einer Vortragsreihe die Referentin Ulrike Jocham eingeladen hat, die unter anderem auf diese fortschrittliche Technik bei Türen aufmerksam machte. Nachdem wir von der extrem flachen Magnet-Doppeldichtung für bestehende Gebäude, die direkt auf den Rohfußboden aufgesetzt werden kann, erfahren haben, sollte die barrierefreie Umbaumaßnahme so schnell wie möglich zum Wohle der Geislinger Bürger durchgeführt werden.“

Dank einer zügigen Bearbeitung durch die zuständige höhere und untere Denkmalschutzbehörde von lediglich zwei Wochen Dauer konnte dieses Ziel in die Tat umgesetzt werden. „Das Thema Inklusion ist uns wichtig“, unterstreicht der unter anderem für den Denkmalschutz zuständige Fachbereichsleiter für die Bauverwaltung Peter Lecjaks. Natürlich müsse auch ein Baudenkmal gebrauchstauglich bleiben, vor allem wenn es sich wie hier um ein öffentliches Gebäude handle, das nach der Landesbauordnung von Baden-Württemberg barrierefrei gestaltet werden müsse, sagt Lecjaks und fordert: „Damit auch ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen ein Gebäude benutzen können, muss der Denkmalschutz zu Kompromissen bereit sein“ – vor allem wenn, wie bei der Eingangstüre im Schubarthaus, das Denkmal überhaupt nicht zerstört würde.

Das Baudenkmal Schubarthaus

Das Gebäude stammt bereits aus dem 15. Jahrhundert. Ein erster größerer Umbau fand im Jahr 1634 statt. Der Namen des Bauwerks erinnert an den Dichter, Organisten, Komponisten und Journalisten Christian Friedrich Daniel Schubart, der von 1763 bis 1769 hier wohnteund in dieser Zeit als Schullehrer tätig war. In den Jahren 1976/1977 wurde das Gebäude grundlegend renoviert und in typisch alemannischer Bauweise wieder aufgebaut.

Bei der abgebauten Türschwelle handelte es sich um eine drei Zentimeter hohe und rund 25 Zentimeter breite Holzschwelle, die wahrscheinlich nicht älter als 38Jahrewar. An dem vorhandenen alten Türblatt unten mussten ein paar Zentimeter abgenommen werden, damit das Türblatt an die neue Nullschwellendichtung angepasst und die Magnet-Gegenprofile im Türblatt unten eingebaut werdenkonnten.

Kleine Türschwellen – große Barrieren und Gefahren!

Gerade niedrige Schwellen bergen ein hohes Gefahrenpotenzial; Benutzer können sich beim Passieren von Türen anstoßen oder sogar stürzen – vorallem weil sie wegen ihrer geringen Größe häufig leicht übersehen werden. Zusätzlich gibt es eine immer größer werdende Zielgruppe, die genau diese Barrieren nicht oder nur sehr schwer überwinden kann und deshalb von Räumen, in denen Leben in der Gesellschaft stattfindet, ausgeschlossen wird.

„Jetzt ist das eine feine Sache, ich komme nun sehr gut durch die Eingangstüre.“, sagt die Geislingerin Irene Ehret. Sie freut sich über den Abbau der hinderlichen Türschwelle im Schubarthaus. „Für Rollatorbenutzer wie mich sind die üblichen kleinen Schwellen, die in fast allen Außentüren anzutreffen sind, sehr hinderlich. Wenn ich z. B. mit meinem Rollator gegen eine unerwartete, wenn auch kleine Türschwelle stoße, weil ich sie nicht gesehen habe, bekomme ich einen schmerzhaften und unangenehmen Schlag in meine Gelenke. Das ist nicht gerade förderlich für die Gesundheit.“ Die neue schwellenfreie Gestaltung an der Eingangstüre im Geislinger Schubarthaus sollte zum Standard in jedem öffentlichen Gebäude werden, fordert Ehret.

Auch Michael Schima, der als Mitarbeiter der Stadt Geislingen an der Steige im Schubarthaus arbeitet, ist von der benutzerfreundlichen Umbaumaßnahme begeistert: „Mit der neuen Magnet-Doppeldichtung ohne Schwelle kann ich die Eingangstüre zu meinem Arbeitsplatz ohne Probleme mit meinem Rollstuhl überfahren. Als Mensch mit Tetraplegie (Halswirbelfraktur C5/6),einer Querschnittslähmung, bei der beide Arme und Beine betroffen sind, ohne Fingerfunktion und ohne Trizeps, war es mir nicht möglich, die bis vor Kurzem noch vorhandene Türschwelle zu überwinden. Ich konnte mit Unterstützung von speziellen Handschuhen zwar meinen Rollstuhl so kippen, dass ich mit den Vorderrädern meines Rollstuhles über die bestehende Türschwelle fahren konnte. Allerdings bin ich von diesem Standpunkt aus nicht mehr weitergekommen, denn die großen Hinterreifen über die drei Zentimeter hohe Schwelle zu schieben ist mit meiner Querschnittslähmungnicht möglich. Grundsätzlich sind derartige Kippvorgänge, die leider vielerortsnotwendig sind, um solche, wenn auch kleine Schwellen zu überwinden, immergefährlich, denn dadurch kann ich mit dem ganzen Rollstuhl stürzen. Jeder Sturz kann fatale Folgen haben. Der vorhandene Kippschutz am Rollstuhl bietet mir hierfür nur eingeschränkte Sicherheit.“ Dank der neu eingebauten Nullschwelle sei nun das gefährliche Kippen des Rollstuhls für ihn überflüssig geworden und er komme ohne abenteuerliches Hindernis ins Schubarthaus, so Schima.

Rund ein Viertel aller Deutschen benötigt Schwellenfreiheit

Aber nicht nur Menschen mit Behinderung wie Irene Ehret und Michael Schima profitieren von der neuen schwellenlosen Eingangstüre ins Schubarthaus. Aufgrund der demografischen Entwicklung gibt es eine beachtliche Veränderung der Benutzeransprüche an die Gestaltung von Architektur.

Mittlerweile sind in Deutschland bereits über 23 Mio. Bürger auf tatsächlich schwellenfreie und damit sichere Übergänge an Außentüren angewiesen. Es gibt im ganzen Bundesgebiet rund 17 Mio. Bürger über 65 Jahre, rund 3,4 Mio. Bürger mit einer Schwerbehinderung unter 65 Jahre und rund 3,5 Mio. Kinder unter 6 Jahre – Zielgruppen, die als besonders sturzgefährdet gelten. Bereits im Jahr 2005 hat das Deutsche Ärzteblatt veröffentlicht, dass von den über 65-jährigen zu Hause Lebenden jeder Dritte mindestens einmal pro Jahr stürze, und von den Pflegeheimbewohnern sogar mindestens die Hälfte.

Kleine Schwellen, auch wenn sie nur zwei Zentimeter hoch sind, stellen für Dr. med. Stefanie Gurk von der MEDICAL CONSULTING in Krefeld eine Stolperfalle für alle Menschen dar. Allerdings sieht sie eine besondere Gefahr für ältere Menschen: „Stürze können mit zunehmendem Alter Einschränkungen nach sich ziehen und dadurch die zuvor gewohnte selbstständige Lebensführung beachtlich beeinträchtigen.“ Mit dem Alter erhöhe sich die Bruchgefahr der Knochen, betont die Medizinerin. Sie weiß aus Erfahrung: „Je höher das Alter von Sturzpatienten mit Knochenbrüchen ist, desto länger benötigen diese, ihre vorherige Mobilität zurückzuholen. Ein Sturz kann jedoch auch der Auslöser für Pflegebedürftigkeit sein.“ Folglich fordert die Ärztin räumliche Umgebungen, die Stürze verhindern und schädliche Folgen vermeiden: „Wir benötigen absolut schwellenlose Übergänge bei allen Türen. Der Pool an Patienten, die Schwellenfreiheit benötigen, ist riesengroß.“ Auch Prof. Dr. med. Klaus Hager, Chefarzt des Zentrums für Medizin im Alter im Diakoniekrankenhaus der Henriettenstiftung in Hannover, fordert die Vermeidung von Sturzrisiken: „Stürze und deren Folgen können auch eine Todesursache darstellen.“

Die Technik der Nullschwellendichtung

Genau diese gefährlichen Stürze möchte der Erfinder der schwellenlosen Magnet-Türdichtungen und Gründer der ALUMAT-Frey GmbH aus Kaufbeuren verhindern. Seine Pionierrolle hat einen authentischen Entwicklungshintergrund: Infolge einer Beinverletzung ist er über eine Türschwelle gestolpert und gestürzt. Bereits in den 1980er-Jahren entwickelte er die erste schwellenlose Magnet-Dichtung für Innentüren und in den 1990er-Jahren die erste schwellenlose Magnet-Doppeldichtung für Außentüren. „Niemand wagte sich zu dieser Zeit an die diffizile Abdichtungsaufgabe der absolut schwellenfreien Türdichtungen“, betont der Erfinder Frey.

Bei bestehenden Gebäuden gibt es je nach den vorhandenen baulichen Gegebenheiten zwei verschiedene Ausführungen der Magnet-Doppeldichtung, die eingebaut werden können. Zum einen kann die extrem flache Magnetdichtung für den Altbau, die wie bei der Umbaumaßnahme im Schubarthaus direkt auf den Rohfußboden aufgesetzt wird, bestehende Türen abdichten. Diese Außentürdichtung wird verwendet, wenn kein Platz unterhalb der Dichtung vorhanden ist (z. B. in bereits über 1000 Balkontüren von Berliner Plattenbauten). Zum anderen entsteht bei zahlreichen Umbau- und Sanierungsmaßnahmen freiwerdender Raum unterhalb der Türdichtungsebene, sodass in diesen Fällen die Magnet-Doppeldichtung für den Neubau mit einem speziellen Entwässerungssystem unterhalb der Magnetprofile eingebaut werden kann. Diese Magnet-Doppeldichtung hat schwierigste Dichteprüfungen bestanden und eine revolutionäre Schlagregendichtheit der Klasse 9 A erreicht, die selbst einer Windstärke 11 standhält, bei der Bäume entwurzelt, Dächer abgedeckt und Autos aus der Spur geworfen werden. Alle schwellenlosen Dichtungen, egal ob für Innen- oder Außentüren, für den Neubau oder den Altbau, bewähren sich seit über 15 Jahren in den verschiedensten Einbausituationen.

Das Geislinger Unternehmen Ebner ist auf den Bau von Fenstern und Türen spezialisiert und führte im Auftrag der Stadt Geislingen an der Steige den Einbau der benutzerfreundlichen Nullschwelle aus. „Wir haben zum ersten Mal die schwellenfreie Lösung von ALUMAT eingebaut und konnten gute Erfahrungen mit dem Produkt sammeln“, berichtet der Firmeninhaber Dieter Ebner und betont: „Wenn Kunden diese schwellenfreie Abdichtung wünschen, sind wir als Fensterbauunternehmen gerne bereit, die neue Technik einzubauen.“

Gisela Kohle vom Stadtbehindertenring STeiGlein Geislingen an der Steige sieht in der Nullschwelle einen ersten Schritt, dem hoffentlich weitere folgen werden: „Die Schwelle an der Eingangstür des Schubarthauses ist zeitgemäß und erfüllt alle Erwartungen an Barrierefreiheit. Sie ist für alle Hilfsmittel mit kleinen Vorderrädern (Rollstühle, Rollatoren, Kinderwagen) problemlos zu überfahren und außerdem gut sichtbar. An einer Stelle in der Stadt, an der täglich sehr viele Menschen aller Altersgruppen ein- und ausgehen, haben wir einen beispielgebenden Schritt zu einer barrierefreien Stadt tun können, dem hoffentlich bald viele weitere folgen.“

Text: Ulrike Jocham

Weitere Beispiele für Türschwellenabbauten im Bestand, die mit den Renovierungsprofil der Magnet-Nullschwelle ersetzt wurden.

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