Türschwellen-Rückbauten bringen Teilhabe am Familienleben

Familien brauchen verlässliche Lösungen, wenn es um Barrierefreiheit geht – insbesondere bei Kindern mit komplexem Unterstützungsbedarf. Was einfache, aber durchdachte Umbaumaßnahmen bewirken können, zeigt dieses Beispiel eindrücklich. Ich durfte den Umbau beratend begleiten.
Der Ursprungstext steht hier im Blog – die veröffentlichte Fassung aus der Zeitschrift MENSCHEN ist als PDF (Klick auf das Cover) verlinkt.

„Wir sind sehr, sehr glücklich“, berichtet Vater Thorben (Name anonymisiert) begeistert. Für seine Tochter Luise (Name anonymisiert) mit schwerster Mehrfachbehinderung wurden innerhalb der Familienwohnung alle hinderlichen und gefährlichen Türanschläge zwischen Flur und Kinderzimmer, Elternschlafzimmer, Wohnzimmer sowie Küche komplett zurückgebaut. Und sogar die hohen Türanschläge an den beiden Terrassentüren im Wohnzimmer und in der Küche konnten entfernt und mit barrierefreien Magnet-Nullschwellen ersetzt werden. „Dank diesem barrierefreien Umbau kann Luise nun selbst mit ihrem Stehbrett von ihrem Kinderzimmer ganz einfach auf die Terrasse geschoben werden“, berichtet der Vater. Seither sei seine Tochter viel öfters draußen und würde viel mehr am Familienleben zusammen mit den Eltern und den beiden Brüdern teilhaben.
Lebensgefahr durch Türanschläge

Viele Stehbretter sind häufig mit kleinen harten Rädern ausgestattet, so auch das Stehbrett von Luise. Und gerade die kleinen harten Räder reagieren besonders widerständig auf kantige Türanschläge im Boden. „Vor dem barrierefreien Umbau war das Überwinden der rund 1,5 cm hohen Schwellen im Innenbereich mit dem Stehbrett ein Riesenakt, von den über 12 cm hohen Terrassentürschwellen ganz zu Schweigen.“ Selbst mit dem Rollstuhl oder mit dem P-Pod sei bereits das Überfahren der kleinen Innentürschwellen für Luise jedes Mal eine enorme Gefahr gewesen, so Vater Thorben und erklärt: „Jede Erschütterung kann einen epileptischen Anfall auslösen, der für Luise zur lebensgefährlichen Situation werden kann.“ Diese extrem negativen Auswirkungen der vorhandenen Türanschläge konnten durch die Umbaumaßnahmen komplett beseitigt werden.
Weg mit den Hindernissen
Für den Rückbau aller Türanschläge wurden die Fußböden im Kinderzimmer, im Elternschlafzimmer, im Wohnzimmer und in der Küche sowie auf der Terrasse aufgestockt und auf das Höhenniveau des Wohnungsflurs angeglichen. Mit dem neuen, höheren Bodenbelag in den vier Innenräumen konnten die gefährlichen und hinderlichen Türanschläge an den vier Wohnungsinnentüren im Fußboden „verschwinden“. Die Übergänge zwischen Wohnungsflur und den betreffenden Räumen sind nun absolut eben und kantenlos.
Barrierefreiheit und Dichtheit

Bei den Terrassentüren als Außentüren gibt es wesentlich höhere Anforderungen an die Dichtheit als bei den Wohnungsinnentüren. Allein eine Angleichung der Fußbodenhöhen innen und außen wie bei den Innentüren reicht hier nicht aus. Außentüren müssen Schall, Einbrüche, Kälte, Wind und Schlagregen sowie bei Unwetter größere Wassermengen abhalten können. Für die Sicherung der Dichtheit ohne Türanschlag wurden in der Küche und im Wohnzimmer an den beiden Terrassentüren die alten Terrassentüren mit hohem Türanschlag ausgebaut und neue Terrassentüren mit Magnet-Nullschwellen eingebaut. Magnet-Nullschwellen ersetzten bereits seit 1996 gefährliche und hinderliche Türanschläge mit beweglichen Magnet-Dichtungen. Im geschlossenen Türzustand werden sie von Gegenmagneten im unteren Türflügel nach oben gezogen und dichten ab. Im offenen Türzustand liegen sie plan im Bodenprofil und ermöglichen einen barriere- und türanschlagfreien Übergang. Durch einen Entwicklungsvorsprung von rund 20 Jahren kann diese Technik neben Prüfzeugnissen mit höchsten Dichtewerten aus dem Labor zusätzlich multiprofessionelle untersuchte Langzeiterprobungen in der Baupraxis vorweisen.
Praxiserprobung für Schadensfreiheit

Bei fachgerechten Einbauten zeigt die Technik der Magnet-Nullschwelle selbst an der Ostsee, an der Nordsee und in den Alpen jahrelange zuverlässige und nachhaltige Dichtheit. Neben der barrierefreien Nutzbarkeit von Nullschwellen ist der Aspekt der praxiserprobten Dichtheit insbesondere für Menschen mit Behinderung sowie für pflegende Angehörige extrem wichtig. Diese Zielgruppen müssen häufig sehr hohe Anforderungen im Alltag bewältigen. Sehr viele Menschen mit Behinderung und pflegende Angehörige leisten beachtliches. Ein Wasserschaden an einer neuen Außentür könnte lebensnotwendige Alltagsabläufe gefährden oder gar blockieren.
Millimetergenauer Einbau

Für die barrierefreie Nutzbarkeit für Luise haben alle beteiligten Gewerke auf einen exakten Einbau und saubere Anschlüsse geachtet. Das Bodenprofil der Magnet-Nullschwelle und die angrenzenden Böden sind millimetergenau aufeinander abgestimmt. So können alle Hilfsmittel von Luise leicht auf die Terrasse geschoben werden. Und auch die Brüder von Luise profitieren – freudvollen Rundfahrten zwischen Küche, Terrasse, Wohnzimmer und Flur mit Spielfahrzeugen steht nun nichts mehr entgegen, weder an den Innen- noch an den Terrassentüren.
Text: Ulrike Jocham, Frau Nullschwelle®
Drehflügel-Außentüren benötigten vor der Erfindung der Magnet-Nullschwelle für die Abdichtung einen Türanschlag. Damit Türflügel auf- und zugemacht werden können, ist ein Luftspalt zwischen Türflügel und Fußboden notwendig. Für die Abdichtung dieses Luftspalts waren im geschlossenen Türzustand bis 1996 fest eingebaute Türanschläge unabdingbar. Doch seit Markteinführung der Magnet-Nullschwelle vor rund 28 Jahren haben bewegliche Dichtungen diese unflexiblen, hinderlichen und gefährlichen Türanschläge technisch überholt.
Türanschläge an Wohnungsinnentüren – Einbau abnehmend
In den meisten älteren Wohnungen, die schätzungsweise vor rund 15–20 Jahren oder früher gebaut wurden, befinden sich in der Regel an den Wohnungsinnentüren (Drehflügeltüren) Türanschläge zwischen rund 1–2 cm Höhe. Viele dieser Türanschläge sind so wie in Luises Wohnung ausgebildet. Der Türanschlag wird durch eine Erhöhung der Fußbodenhöhe im Flur erreicht. Das Umbauprojekt für Luise zeigt jedoch, wie aufwendig es ist, derartige Türanschläge an Innentüren in barrierefrei nutzbare Übergänge zwischen Flur und Innenräume umzubauen – ganze Fußböden in mehreren Räumen müssen angehoben werden. Heute werden in Neubauwohnungen erfahrungsgemäß schon häufig insbesondere an Wohnungsinnentüren niveaugleiche und türanschlagsfreie Übergänge ausgeführt. Doch die Ausführungen an Außentüren erfordern noch dringend ein Lernen aus der Geschichte und ein Lernen am Beispiel von Luises Umbauprojekt.
Türanschläge an Außentüren – immer noch verbaut trotz Verbot
Obwohl in Deutschland laut der Nullschwellen-Stellungnahme vom Deutschen Institut für Normung e.V., die von der Fachzeitschrift „MENSCHEN.“ in einem Artikel von Ulrike Jocham öffentlich gemacht wurde, 1–2 cm hohe Türanschläge nach der Norm für barrierefreies Bauen (DIN 18040-1 und -2) längst unzulässig sind, werden erfahrungsgemäß bis heute immer noch 1–2 cm hohe Türanschläge an Außentüren innerhalb des sog. barrierefreien Bauens verbaut. Doch die Haftungsgefahren sind immens. Denn die DIN 18040 ist als eine der ganz wenigen Normen in Deutschland in den Verwaltungsvorschriften der technischen Baubestimmungen eingeführt und damit vom Gesetzgeber bindend vorgeschrieben. In einem aktuellen Gerichtsverfahren wurden bereits rund 2 cm hohe Türanschläge an Balkontüren in einer barrierefreien Wohnung für Seniorinnen und Senioren als Mangel anerkannt. Müssen diese Mängel ausgeglichen werden, müssen nicht nur ganze Türen herausgerissen und erneuert, sondern auch ganze Fußbodenhöhen angeglichen werden. Was dies bedeutet, zeigt das Umbauprojekt für Luise.
Der folgende Abschnitt stammt aus einem Fachtext, den ich im Jahr 2024 verfasst habe – in einer Zeit, in der ich noch sehr deutlich und kritisch formuliert habe. Ich habe mich dennoch bewusst entschieden, diesen Abschnitt in meinen Blog aufzunehmen, weil er zentrale Missstände aufzeigt, die nach wie vor relevant sind.
Es braucht dringend mehr Wissen über die Lebensrealität von Menschen mit Behinderung – und mehr Respekt für Professionen wie die Heilerziehungspflege, die über Jahre hinweg lernen, was unterschiedliche Behinderungsbilder bedeuten und wie erhoben werden kann, was verschiedene Menschen mit Behinderung tatsächlich benötigen – zum Beispiel auch Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung nicht für sich selbst sprechen und einstehen können.
Gerade im Bauen darf es nicht nur um technische Lösungen gehen, sondern auch um das Verstehen von Alltag, Teilhabe und echter Sicherheit. Das gelingt nur im Dialog zwischen den Disziplinen.
In der Broschüre vom Deutschen Städte- und Gemeindebund und der Terragon Wohnbau „Barrierefreies Bauen im Kostenvergleich – Eine Analyse notwendiger Mehrausgaben gegenüber konventionellen Bauweisen“ wird erstaunlicherweise trotz Nullschwellen-Stellungnahme vom DIN e.V. der Einsatz von rund 2 cm hohen Türanschlagdichtungen (sog. Flachschwellen) empfohlen und behauptet, dass diese „in der Regel auch von Rollstuhlfahrern ohne größere Probleme zu nutzen“ seien. Als Bild wird ein rund 2 cm hoher Türanschlag gezeigt, der angrenzende Boden innen liegt rund 2 cm tiefer, der angrenzende Boden auf dem Balkon rund 2 cm höher. Beim Rückbau muss entweder der ganze Fußboden innen um 2 cm aufgestockt oder der Balkonfußboden außen um rund 2 cm zurückgebaut werden. Wie aufwendig dies sein kann, zeigt das Umbauprojekt von Luise. Die Autoren der Broschüre, Dr. Michael Held (Projektentwickler), Christian Anders (Dipl.-Ing.), Jens Uwe Kelka (Dipl.-Ing.), Andreas Müller (Dipl.-Ing.), kommen ausschließlich aus der Bau- und Immobilienbranche. Qualifikationen aus der Sozial- und Pflegebranche, mit Kenntnissen, was „Rollstuhlfahrer“ tatsächlich benötigen, fehlen in der Autorenschaft dieser Broschüre.


Ein starkes Beispiel, wie konsequente Barrierefreiheit im Alltag wirkt. Mich beeindruckt besonders, dass hier auch an Details wie Türanschläge gedacht wurde, oft sind es genau solche ‚Kleinigkeiten‘ bei Türen oder Übergängen, die den Unterschied machen. Wenn man das mitdenkt, merkt man schnell: echte Teilhabe entsteht nicht durch große Konzepte allein, sondern durch viele sorgfältig umgesetzte Lösungen im Detail.