Barriere- und schienenfreies Besuchsbergwerk

Barriere- und schienenfreies Besuchbergwerk: Cover von Initiativen_Barriere- und schienenfreies Besuschsbergwerk_Ausflugtipp_Glueck auf_von Ulrike Jocham-der Frau NullschwelleBarriere- und schienenfreies Besuchsbergwerk in Süddeutschland ist eine Reportage von Ulrike Jocham, die in der Zeitschrift initiatiVen Ausgabe
1/2020 von der Steirischen Vereinigung für Menschen mit Behinderung erschienen ist. Der Ausflugtipp „Glück auf!“ für Nutzerinnen und Nutzer von Rollstühlen, Rollatoren, Kinderwägen und Co, für Familien und alle weiteren Bergwerksbegeisterten kann seit dem 30.05.2020 wieder besichtigt werden. Den Artikel gibt es mit einem Klick auf das Cover von initiatiVen und ab hier in diesem Blogbeitrag:

Barriere- und schienenfreies Besuchsbergwerk in Süddeutschland – ein Artikel von der Frau Nullschwelle

Das Besuchsbergwerk Teufelsgrund im baden-württembergischen Münstertal (Schwarzwald) ist etwas ganz Beson- deres. Niemand muss in einen kleinen Zug, der nach unten führt, steigen: Das Bergwerk ist ebenerdig zugänglich.

Nach zeitaufwendigen barrierefreien Anpassungsmaßnahmen vor fünf Jahren verhindern nunmehr keine Schienen oder Stufen im Boden die Befahrbarkeit der Wege, die 600 Meter tief in den Berg hineinführen. Dadurch können viele Menschen mit Behinderung das Bergwerk ohne fremde Hilfe besuchen. Zusätzlich bringt die Schienenfreiheit im Boden generationenübergreifend stolperfreie Sicherheit. Das Bergwerk hat in der warmen Jahreshälfte geöffnet und bietet verschiedene Veranstaltungen für Groß und Klein. Besonders groß wird heuer das 50-jährige Jubiläum gefeiert.

Barrierefrei durch ehrenamtliche Arbeitsstunden

Die sehr selten anzutreffende Barrierefreiheit im Bergwerk ist der Betreiberfamilie und zahlreichen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern zu verdanken. Als 1970 das Be- suchsbergwerk eröffnet wurde, gab es noch zahlreiche Gleise im Boden, die eine Nutzung für Familien mit Kinderwägen, in Rollstühlen oder mit anderen radbetriebenen Hilfsmitteln (Assistenzsystemen) teilweise unmöglich machte. Diese Barrieren sind mit rund 80 ehrenamtlichen Arbeitsstunden der Betreiberfamilie und des Fördervereines des Besuchsbergwerks am Teufelsgrund, der Bergbaufreunde Münstertal e.V., beseitigt worden. Alle Wege wurden mit Recycling-Material aufgefüllt, wodurch die Hindernisse im Boden ausgeglichen wurden. Auslöser dafür war der 1972 eröffnete Heilstollen. Hier finden in der reinen und nahezu keimfreien Luft des Bergwerks mit nahezu 100 Prozent Luftfeuchtigkeit Behandlungen für Patientinnen und Patienten mit Atemwegserkrankungen statt. Der mit Liegen ausgestattete Seitenstollen befindet sich in der Nähe des Bergwerkeingangs, ungefähr 200 Meter im Bergwerksinneren. Damit auch ältere Menschen sturz- und hindernisfrei zu diesem Heilstollen gelangen können, mussten die Schienenkanten bis zu dessen Eingang beseitigt werden. Doch die Verantwortlichen wollten für alle Gäste eine Verbesserung erreichen und haben sich deshalb entschieden, alle Wege im Bergwerk einzuebnen.

Die Menschen dahinter

Das Bergwerk Teufelsgrund wird vom Ehe- paar Kerstin und Mathias Burgert betrieben. Sie haben ein einjähriges, ein neun- und ein elfjähriges Kind. Die beiden Größeren, Simon und Jakob, verbringen mit Freude einen großen Teil ihrer Freizeit im Bergwerk. Das Familienunternehmen erhält beim Ausbau und Instandhalten der Stollen, bei den Veranstaltungen und Führungen sowie bei der Neugestaltung eines Bergbauwanderweges Unterstützung vom Förderverein. Unter den zahlreichen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern sind auch zwei Menschen mit Behinderung. Diese selbstverständliche Teilhabe im Förderverein wurde durch die barrierefrei- en Anpassungssmaßnahmen auf alle Gäste übertragen. Der älteste Sohn der Burgerts, der elfjährige Simon, ist seit der Grundschule mit dem gleichaltrigem Justin eng befreundet. Justin nutzt einen Elektrorollstuhl, mit dem er seit der barrierefreien Anpassung des Bergwerks selbstständig 600 Meter tief in den Berg hinein- und im Berg herumfahren kann. Die beiden Jungs schweißt ein großes Interesse an Steinen und am Bergbau zusammen. Leidenschaftlich helfen sie z.B. beim Sammeln und beim Verkauf von interessanten Mineralien sowie bei den zahlreichen Veranstaltungen und Führungen für die Gäste. „Ich kann jetzt mit meinem Rollstuhl ohne Probleme stundenlang mit Kindern im Bergwerk spielen“, erklärt Justin. Simon schätzt das rollbare Assistenzsystem seines Freundes: „Der Rollstuhl von Justin bringt viele Vorteile, ich kann darauf super mitfahren – das macht Spaß – und wir können damit leichter Steine transportieren.“ Der Vater von Justin, Steffen Glückstein, ist zusammen mit seinem Sohn Mitglied im Verein: „Justin gehört einfach mit zu allen Bergwerksliebhabern dazu“, erklärt er und betont, dass sein Sohn im ländlichen Münstertal keine Sonderstrukturen kenne. „Hier gibt es keinen Sonderkindergarten und keine Sonderschule. So ist es schon lange selbstverständlich für alle, dass Justin einfach überall dabei ist.“

Liebe im und zum Bergbau

Sogar barrierefreie Hochzeiten können im Bergwerk Teufelsgrund stattfinden. Als erstes haben hier die Fördervereinsmitglieder Sabrina und Christian Pöcher geheiratet. Sie liebt Steine, er den Bergbau. Für das Paar stand es außer Frage, dass im Bergwerk ge- heiratet wird. Durch die gemeinsame Leidenschaft hat sich das Ehepaar Pöcher kennen und lieben gelernt. Christian Pöcher ist gelernter Bergmann. Er würde alles stehen und liegen lassen, wenn er wieder im Bergbau Vollzeit arbeiten könnte. Sabrina hat eine seltene Erkrankung bekommen. Als die beiden sich kennen gelernt haben, konnte sie noch laufen. Heute nutzt Sabrina bei ihren Besuchen im Bergwerk ihren Rollstuhl. Der Vollblut-Bergmann freut sich, dass seine Frau auch tief in den Bergwerksstollen mit hineinfahren kann. „Mit dem Rollstuhl gibt es auf den neuen Wegen kein Problem, der Untergrund lässt sich sehr gut befahren“, berichtet Sabrina Pöcher und ihr Mann betont mit Stolz: „Unser Bergwerk ist das einzige barrierefreie Bergwerk im Schwarzwald, das ich kenne.“

Das Bergwerk

Im Besuchsbergwerk Teufelsgrund wurden über 1000 Jahre lang Silber, Kupfer, Fluorid und Blei sowie Flussspat abgebaut. 1958 wurde das Bergwerk stillgelegt. „Vor 50 Jahren hat mein Vater im Auftrag der Gemeinde begonnen, das Bergwerk Besuche- rinnen und Besuchern zugänglich zu machen. Seit der Privatisierung im Jahr 2009 bin ich als Pächter und Geschäftsführer für das Besuchsbergwerk zuständig“, erklärt Mathias Burgert. Im Inneren des Bergwerks gibt es u.a. verschiedene Steine, Werk- zeuge, Geräte, Maschinen und erklärende Schautafeln zu entdecken. Besonders Kindern bereitet die ebenfalls mögliche Stein-Schatzsuche großen Spaß. „Damit die Kinder steinreich nach Hause gehen können, dürfen sie die gefundenen Schätze mitnehmen“, erklärt der Geschäftsführer. Der erreichte Standard an Barrierefreiheit ist unter Besuchsbergwerken auffallend. Bis auf die oberen Abbauräume im Bergwerksinneren ist alles ebenerdig mit dem Rollstuhl oder dem Kinderwagen erreich- bar. Weiterhin gibt es eine Toilette, die von einer Seite mit dem Rollstuhl angefahren werden kann.

Von Ostersteinsuche bis zu Grubenlampenführungen

Von Anfang April bis Ende Oktober können Besucherinnen und Besucher die geheimnisvolle Welt unter Tage selbstständig oder über Führungen erforschen. Zu Ostern bietet das Besuchsbergwerk-Team für Kinder etwas ganz Besonderes: Statt Ostereier und Osterhasen aufzuspüren, findet eine „Ostersteinsuche“ statt. Weiters gibt es, über die Öffnungsmonate verteilt, verschiedene Angebote zum großen 50-jährigen Jubiläum und weitere Themenangebote wie z. B. Weinproben, Grubenlampenführungen oder Frühschoppen. Zum Abschluss der Saison steigt als besonderes Highlight ein zweitägiges Halloween-Fest. Das ganze Bergwerk wird dafür gruselig mit Geistern, Skeletten und schaurigen Lichtern geschmückt. Ob man beim Schmücken, beim Durchführen oder beim Gruseln als „verkleideter Geist“ in den Stollen mithilft oder nur zum Gruseln kommt: Es ist sicher ein Erlebnis der ganz besonderen Art!

Barriere- und schienenfreies Besuchsbergwerk von Ulrike Jocham, die Frau Nullschwelle

Barriere- und schienenfreies Besuchsbergwerk: Mehr Infos zum Ausflugtipp „Glück auf!“: www.besuchsbergwerk-teufelsgrund.de

 

Weitere barrierefreie Besuchsbergwerke:

Historisches Silberbergwerk

 

 

 

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  1. Avatar

    Kerstin Heinig 2. Juli 2020 @ 12:18

    Ein freundliches Hallo nach Südbaden aus dem hohen Norden aus dem Land zwischen den Meeren Schleswig Holstein. Ich finde diese Freizeitgestaltung wunder, wunder, wunderschön und mein Herz begann fröhlich zu springen an. Ich finde dies eine wundervolle Idee, welche die Freizeitgestaltung eine Bereicherung für alle Menschen egal ob behindert oder nicht behindert.

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